SYLT
Insel zwischen Himmel und Meer

Die Ausstellung zeigt Bilder von J.Baier, P.Bialobrzeski, D.Brudna, T.Casper, J.Einsiedler, Vl.Hinz, B.Isenrath, H. Klöver, R.Lebeck, C. Popkes, M. Pudenz, G.Schwerdtfeger.

Julia Baier
Als Insel ist Sylt von Ritualen der Feriengäste geprägt. Ob Besucher nur einmalig oder immer wieder Sylt besuchen, hat auch damit zu tun, inwieweit sie an diesen Ritualen gerne teilhaben bzw. eigene entwickeln: Spaziergänge am Strand, ein mittägliches Fischbrötchen in List, die Fahrt mit dem Leihrad oder das Konzert in der Strandmuschel. Je nach Alter, persönlichen Vorlieben und Geldbeutel kann die Liste erweitert werden. Juni 2007. Ein Monat Auszeit von der Hektik der Großstadt. Auch Julia Baier entwickelt ihre eigenen Rituale, indem sie das Treiben auf der Insel mit der Kamera beobachtet. Ihre Streifzüge führen sie schließlich immer öfter nach Hörnum, dem kleinen, unspektakulären Ort an der Südspitze Sylts. Dort begegnet sie Willi, dem Kegelrobbenweibchen, das seit vielen Jahren in den Sommermonaten eine Ecke des Hörnumer Hafens bewohnt. Das touristische Ritual hier: Willi wird mit Heringen gefüttert, die vor Ort zu kaufen sind. Und natürlich bewundert, fotografiert und gefilmt. Zum Ritual der Fotografin wird es, dieses Geben und Nehmen mit der Kamera zu begleiten. Heringe gibt es von ihr nicht.

Peter Bialobrzeski
Einst galt es als das nordische Atlantis: Rungholt. Versunken. Keiner wusste genau wo oder wann, nur dass es passiert ist, daran glaubte man fest. 1362, lange bevor die Klimakatastrophe zum Medienstar wurde, überspielte die große Sturmflut Rungholt, was aber erst durch Funde in den 1930er Jahren verifiziert werden konnte. Von Rungholt gibt es keine Fotografien, wohl aber eine Vorstellung. Die Fotografien "Rungholt 1-5" entstanden an der Westküste Sylts im September 2007. Es ist sicher, dass auch diese Küste verschwinden wird, unabhängig davon, wer das Kyoto Protokoll unterschreibt oder es lässt. Die Bilder können als eine Meditation über Veränderung gelesen werden. Im Augenblick der Betrachtung des Bildes sieht die Küste längst anders aus und die erweiterten Möglichkeiten der Fotografie müssen uns zweifeln lassen, ob sie je so ausgesehen hat. Kraft des Bildes erleben wir aber etwas Unmittelbares, die Präsenz von etwas Erhabenem: Die Erinnerung an eine Idealvorstellung von Landschaft. Unabhängig davon ob sie auf Rungholt oder auf Sylt, mit der Kamera oder am Computer entstanden ist.

Denis Brudna
Was haben ein Zaun, ein Blick auf's Meer, ein trostloses Hochhaus, ein verwunschener Wald und Fische im Aquarium miteinander zu tun? All das sind fotografische Motive, die sich auf Sylt finden lassen. Wer mit wachem, fotografisch geschultem Auge die Insel besucht, kann hier Bilder regelrecht pflücken. Kann Bilder sammeln, die nicht streng konzeptionell vorgeplant sind, sondern auf den jeweils ersten Blick vertrauen. Die Aufnahmen der Serie "Terra incognita", die während dreier Kurzreisen im Spätsommer des Jahres 2007 entstanden ist, gleichen den Teilen eines Puzzles, aus dem sich eine subjektive, atmosphärisch aufgeladene Einheit zusammen stellen lässt. Die Bilder eignen sich nicht zur Illustration eines Reiseführers, sondern vermitteln eine eher melancholische, postsaisonale Note der Besinnung. Das Hochformat und die oftmals angeschnittenen Details im Vordergrund lassen die typische Weite des Horizonts erst auf den zweiten Blick erkennbar werden. "Terra incognita" ist eine fotografisch geführte Entdeckungsreise über Sylt. An Orte, die viele Besucher kennen, aber so vielleicht noch nicht wahrgenommen haben.

Tine Casper
Bleiben oder gehen? Für Menschen, die auf einer Insel aufgewachsen sind, kann dies zur Schicksalsfrage werden. Wie für die Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 20 Jahren, die Tine Casper 2007 portraitierte. Einige von ihnen können es kaum erwarten, endlich eigene Wege zu gehen - außerhalb der eng gewordenen Heimat. Für andere dagegen ist der Umzug auf das Festland, das Verlassen der Idylle und Inselgemeinschaft schwer vorstellbar. Doch obwohl der Tourismus viel Beschäftigung bietet, sind die Ausbildungsmöglichkeiten begrenzt und der Wegzug von der Insel damit oft erforderlich. Die jungen Frauen sehen sehnsuchtsvoll-verträumt oder nachdenklich aus. Nicht ungewöhnlich in einer Lebensphase voller Gefühlsschwankungen und neuer Orientierung. Es wäre daher eine Überinterpretation, dies allein den Lebensumständen auf Sylt zuzuschreiben. Auf behutsame Weise integriert die Fotografin die Lebenssituation auf der Insel in ihre Arbeit. Die Portraits wurden in der Natur inszeniert und werden durch Bilder aus dem jeweils persönlichen Umfeld ergänzt. Da schwebt dann eine Möwe auf einem Wandbild hinter dem Bett und auf einer Stalltür lesen wir "Love you too 4-ever".

Julia Einsiedler
Diese Polizisten sind nicht aufgrund eines Verbrechens am Strand. Freundlich oder ernsthaft-konzentriert blicken sie in die Kamera. Im Hintergrund Dünen, Meer und allenfalls ein paar harmlose Spaziergänger. Fast wirken die Beamten wie einmontiert in eine schöne Kulisse, doch das ist auch die Folge des verwendeten Blitzlichts. Was bringt eine junge Fotografin dazu, Polizisten auf Sylt zu fotografieren? Neugierde. Auf einer Bahnfahrt nach Hamburg lernte Julia Einsiedler einen Polizisten kennen, der weiter zu seiner Heimatstation Sylt fuhr und viel erzählte - vom vergleichsweise entspannten Dienst auf dieser Insel. Fahrradunfälle unbeholfener Urlauber, Geschwindigkeitsüberschreitungen und pöbelnde Partygäste stehen hier im Mittelpunkt der Polizeiarbeit. 20 Polizisten gibt es auf Sylt, in den Sommermonaten erhalten sie Verstärkung durch weitere 20 Kollegen vom Festland. Die Portraits haben etwas Absurd-Widersprüchliches. Einerseits suggeriert die Präsenz eines Polizisten am Strand, dass auch dieser idyllische Ort jederzeit zum Tatort werden könnte. Andererseits erinnern Pose und Bildaufbau eher an Andenkenfotos vom letzten Sommer.

Volker Hinz
Sommer 1974. Der Hamburger Fotograf Volker Hinz ist seit kurzem fest angestellt beim Stern. Ein Auftrag für das Magazin führt ihn und den Textautor Emanuel Eckart nach Sylt. Ihr Thema: Die Zersiedelung der Insel und die Folgen des Tourismus. Mit Kleinbildkamera und Schwarzweißfilm macht sich Hinz an die Arbeit, dokumentiert die Bausünden in Westerland, zugeparkte Dünen und volle Strände. Aber wie immer fotografiert er mehr als das - die Kür neben der Pflicht als Folge eines stets wachen Fotografenauges. Und so entsteht eine vielschichtige Reportage über Sylt, die heute wieder entdeckt werden kann. Da alle Filme und Kontaktbögen nach über 30 Jahren noch sicher im Archiv des Stern verwahrt waren, konnten zudem vorher noch nie präsentierte Aufnahmen für die Ausstellung vergrößert werden. Das Treiben deutscher Urlauber erscheint im Rückblick mal charmant, mal kleinbürgerlich und skurril. Erinnerungen an Familienurlaube werden wach. Später reiste Volker Hinz noch öfter nach Sylt, um im Auftrag des Stern Prominente zu fotografieren. Seine Reportage aus den 70er Jahren wird ergänzt durch Portraits von Helmut Kohl, Karl Dall, Hajo Friedrichs und Ulrich Wickert.

Britta Isenrath
Auch das gibt es auf Sylt: Sperrmüll, von Bewohnern vor die Haustür gestellt und zur Abholung bereit. Viele Großstädte bieten diesen Service nicht mehr an, doch in ländlichen Regionen und Kleinstädten existiert noch dieser spezielle Moment zwischen privater Nutzung und anonymer Entsorgung, unterbrochen durch Sperrmüllsucher, die das Angebot nach Nutzbarem durchforsten. Für Britta Isenrath sind die Sperrmüllberge Installationen, skulpturale Arrangements von kurzer Lebensdauer. Darunter sind wirre Aufschüttungen ebenso zu finden wie sorgfältige Anordnungen. In der Dunkelheit hat sie dem Sperrmüll mit ihrem Blitzlicht eine Bühne bereitet. Wer meint, hier sei ausschließlich die hässliche Seite von Sylt zu sehen, irrt. Seltsam vertraut wirken diese Möbelstücke, wie so vieles, von dem man sich längst trennen wollte. Eine Poesie des Alltags mit neuem Eigenleben. Die Bildtitel nennen Straßennamen und Ort und liefern damit einen letzten Verweis auf die frühere Nutzung der nun zum Sperrmüll erklärten Gegenstände. Die Serie "inside out" ist ein Langzeitprojekt, das an verschiedenen Orten fortgesetzt wird.

Horst Klöver
Im Jahr 2000 fährt Horst Klöver im Auftrag des Nachrichtenmagazins Focus nach Sylt. Die Aufgabe: Eine Bildreportage über die sozialen Unterschiede auf der Insel. Er lernt Sylt als Sammlung von Klischees auf kleinstem Raum kennen, aber auch als Ort der Widersprüchlichkeiten. Der Punk in Westerlands Fußgängerzone verdient üppig mit Schnorren, das Hotelzimmer empfängt im Stil rosa Rokoko und bei Gosch gibt es abends zu Meeresspezialitäten einen zauberhaften Sonnenuntergang. Auf die ersten Eindrücke folgen weitere, weniger spektakulär. Horst Klöver konzentriert sich auf Bilder, die der Focus später ablehnt. "Keine Promis, keine fettleibigen Pauschalurlauber, keine Fakten. Was ich finde, ist die Schönheit der Insel, die sich zeigt, wenn man dem ranzigen Charme der Badeorte den Rücken kehrt", schreibt der Fotograf. Seine kleinformatigen, quadratischen Bilder strahlen eine beruhigende Zeitlosigkeit aus. Hier geht es nicht um Trends und Eitelkeiten, sondern um die Atmosphäre einer heiter-entspannten Sommerfrische, deren absurden und surrealen Momente den Charme noch verstärken.

Robert Lebeck
"Unverschämtes Glück" nannte Robert Lebeck eine Werkschau mit Bildern aus vier Jahrzehnten. Der Titel bezieht sich auf sein Leben als Fotoreporter und steht zugleich für eine gewisse Leichtigkeit und Beschwingtheit, die viele seiner Bilder ausstrahlen. So auch Lebecks Aufnahmen, die in den 1960er Jahren auf Sylt entstanden. Gymnastik am Strand, ein weißer Pudel im Cabrio, ein Liebespaar im Strandkorb. Selbst der Autoreisezug vermittelt bereits eine heitere Ferienstimmung. Mit dem in Plastik verschnürten Gepäck auf dem Dach ist der deutsche Urlauber für alles gerüstet. Die Bilder versetzen uns zurück in die "goldenen Sechziger", wie Lebeck dieses Jahrzehnt im Rückblick nannte. Der Fotograf war gerade von der Zeitschrift Kristall zum Stern gewechselt und genoss hier die Zusammenarbeit mit der Verlegerpersönlichkeit Henri Nannen und die Generosität der Redaktion. Er fotografierte im Auftrag "Die stummen Nackten von Kampen auf Sylt" und so fehlt natürlich auch das Thema FKK nicht in seiner Sylt-Auswahl. Nicht aufdringlich, sondern eher mit einer freundlichen Beiläufigkeit werden hier Nackte ins Bild gerückt.

Christian Popkes
Die Erinnerungen an die Insel Sylt stammten noch aus Kindertagen. Jahrzehnte später, im Spätherbst 2007, kehrt Christian Popkes (der 2004 ein umfangreiches Fotoprojekt auf Helgoland realisierte) erstmals auf diese Insel zurück. Alles wirkt plötzlich kleiner und weniger imposant. Die Postkartenstände in Westerlands Fußgängerzone vermitteln die Schönheit von Sylt, betonen aber auch die Klischees. Christian Popkes greift das Postkartenbild auf und treibt es auf die Spitze. Ja, die Natur ist von beeindruckender Schönheit hier. Kein Grund, das zu leugnen. Und doch schwingt ein leiser Humor in seinen Bildern mit. Westerlands Strandmuschel wird im Blick des starken Weitwinkelobjektivs zur Puppenstube; das Schaf auf der Düne schaut selbstbewusst in die Kamera; ein Leuchtturm im dramatischen Licht. Auffallend ist, dass die Bilder stets zur Mitte ausgerichtet sind. Für Popkes war dies auch eine Reaktion auf den eigenen Gemütszustand. Sylt ermöglicht eine Rückbesinnung auf die eigene Mitte, eine Konzentration auf das Wesentliche.

Martin Pudenz
Die Fotografien von Martin Pudenz sind meist Unikate und meist Auseinandersetzungen mit der Schönheit. Unikate, weil es sich bei seinen Bildern primär um Bromöldrucke handelt, ein aufwändiges fotografisches Verfahren, bei dem die Farbigkeit sehr genau und individuell gesteuert werden kann. Martin Pudenz ist ein Meister dieser Technik, doch das erforderliche Material ist kaum noch erhältlich, was die Einzigartigkeit seiner Unikate noch steigert. Und Schönheit, weil insbesondere die Landschaftsmotive des Frankfurter Fotografen auf besondere Weise Schönheit vermitteln - mal bis an die Grenze des Kitsches, mal in Form einer schroffen Erhabenheit. Die Sylt-Bilder von Martin Pudenz wurden 1991 fotografiert, doch die Bromöldrucke realisierte er erst für diese Ausstellung im Jahr 2007. Mit zeitlichem Abstand hat er seine Aufnahmen interpretiert. In Einzelbildern, Diptychen und Triptychen zeigt er uns Sylt als menschenleeren Ort. Dünen, die für Sylt besonders charakteristisch sind, werden hier scheinbar in ihrer ursprünglichen Schönheit gezeigt. Mal gleichen sie Mondlandschaften, mal üppigen, farbigen Feldern.

Grit Schwerdtfeger
Die Peripherien zwischen Stadt und Land, zwischen Land und freier Natur stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Grit Schwerdtfeger. "Ich suche aus der Distanz die geeignete Perspektive für den Blick auf soziale und urbane Zusammenhänge. Landschaft interessiert mich, wo sie schon besiedelt ist und noch benutzt wird, an der Schnittstelle zur Ortschaft", schreibt die Fotografin. Sylt bot für sie eine ideale Ausgangsbasis - mit vielen kleinen Ortschaften und einer Natur, die mit etlichen Hilfsmitteln und Sicherungsmaßnahmen für die Freizeitkultur zugänglich gemacht wurde. Hier treffen Menschen aufeinander, gruppieren sich ihrer Tätigkeit entsprechend. Es findet keine Interaktion mit der Fotografin statt, eher tritt diese noch einen Schritt zurück, als in die Situation einzugreifen. Trotz dieser Beobachterposition spielen der dokumentarische Blick und die Wiedererkennbarkeit eine untergeordnete Rolle. Die unspektakulären und lakonischen Szenen provozieren ein anderes Sehen, bei dem das vordergründig Sichtbare weniger konkrete Geschichten, sondern mehr beiläufige Schönheiten vermittelt.

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Organisation
Fabrik Fotoforum
Denis Brudna
[T] 040-39 10 71 30

Ausstellungsort
Museum für Kunst
und Kulturgeschichte
Museumstraße 23
22765 Hamburg


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